Editorial

Die Kultur, die Gesellschaft, die Sprache
und die Fußball-Weltmeisterschaft

Ein großes kulturprägendes Sportereignis steht an – es naht im Juni/Juli 2018 die Fußball-Weltmeisterschaft. Sie findet in regelmäßigen Abständen an verschiedenen Orten statt, bietet einen hohen Standard und weckt große Emotionen. Ihren ersten Auftritt hatte sie 1930 mit 13 Teilnehmern, später gab es 16 bzw 24 Teams. Bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland sind es mittlerweile 32 teilnehmende Mannschaften. Und eines scheint sicher: Eine Fußball-WM garantiert auf jeden Fall viel Aufmerksamkeit.

Fußball wird aber nicht nur gespielt, über Fußball wird auch geredet und geschrieben. Und das so ausdauernd und ausführlich, dass sich zweifellos eine eigene Fußballsprache herausgebildet hat. Die schönste Nebensache der Welt wäre ja auch nicht halb so schön, wenn man nicht eine Sprache hätte, die, wie es der Linguist Armin Burkhardt ausdrückt, eine treffende und zugleich gruppenintegrative Kommunikation über den Sport erlauben würde. Fußballfans wissen, was eine ‚Bogenlampe’ oder ein ‚Staubsauger’ ist und wo der ‚lange Pfosten’ steht. Was Mannschaften tun, wenn ‚sie sich abtasten’, und warum Torhüter mitunter ‚Kirschen pflücken’. All das wissen Fußballfans – und die anderen eben nicht. Und das ist ja gerade der Witz an der Sache: Eher Spezialbedeutungen bekannter Wörter als Spezialausdrücke, eher besondere Verwendungsweisen als Fachterminologien prägen die Fußballsprache und machen sie zu einer Art symbolischem Spielfeld innerhalb der Standardsprache, wo eben andere Spielregeln gelten und die all die zusammenbringen, die nach ihnen zu spielen vermögen.

Doch natürlich ist das nur die halbe Wahrheit, denn gar so undurchlässig sind die Grenzen dieses Spielfelds natürlich nicht. Der Fußball ist auch eine symbolische Projektionsfläche, die all das zu thematisieren erlaubt, was eine Gesellschaft umtreibt. Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften sind Anlass zu kollektiver Selbstbesinnung, die weit mehr als nur den Fußball betrifft.
Über eine Fußball-WM und ihre Top-Stars wird man kaum sprechen können, ohne zugleich die Mechanismen der globalisierten Märkte und des Kapitals zu thematisieren. Oder was ist dran an den Gerüchten, dass politische Einflussnahme und Spionage bei der Vergabe der Fußball-WM 2018 an Gastgeber Russland durch die FIFA angeblich eine größere Rolle gespielt haben, als die Frage, wer der beste Ausrichter eines solchen Fußball-Großereignisses sein kann – jedenfalls freute sich am Ende Russland und Mitbewerber England schaut jetzt sprichwörtlich in die Röhre. Und um die gesellschaftliche Projektionsfläche Fußball exemplarisch auch wieder auf die reale Fußballsprache herunter zu brechen: Die Verdatung der Welt, die alles quantifizierbar zu machen glaubt, hat in Form der Angabe von prozentuellen Ballbesitzquoten auch die Fußballreportagen erobert. Doch die vermeintliche Faktizität des Messbaren wird sportjournalistisch bereits mit Ausdrücken wie ‚gefühlten 1000 Ballkontakten’ torpediert. Hat man nicht neulich das postfaktische Zeitalter ausgerufen, eines, in dem die gefühlte Wahrheit die Maßstäbe vorgibt?
Aber auch die umgekehrte Wirkrichtung ist zu beobachten, wenn die Fußballsprache auf Bereiche außerhalb des Sports ausstrahlt. Denn Fußballsprache ist eine fleißige Spenderin von Metaphern, Redewendungen und Sentenzen: „Rote Karten“ werden nicht mehr nur im Fußball gezeigt, in Koalitionsverhandlungen wird der „Ball flach gehalten“, und auch Wirtschaftsstandorte spielen in einer sprichwörtlichen „Champions League“.

All diese Beobachtungen und Deutungen im Vorfeld eines fußball-sportlichen Großereignisses werden ab 14. Juni ein Ende haben, denn dann ist Anstoß zur Fußball-WM 2018, dann muss am Ende ‚das Runde ins Eckige’. Ausgewählte Spiele dazu zeigen wir ‚LIVE’ auf der Kinoleinwand im Kreml.

Wir wünschen viel Spaß und viele Tore
KREML Kulturhaus
Die Redaktion